In diesem Schuljahr wurde die Tradition am Gymnasium Maria Stern Augsburg fortgesetzt, Schülerinnen, aber auch der Öffentlichkeit bedeutende deutschsprachige Schriftsteller zu präsentieren. Machten die letzten Jahre z.B. Adolf Muschg und Juli Zeh Station in Maria Stern, so war es diesmal der österreichische Büchner-Preis-Träger des Jahres 2008, Josef Winkler. In einer gemeinsamen Veranstaltung von Freundeskreis und Schule am Donnerstag, den 19.11.09 um 19:30 Uhr im Bistro und in einer Lesung für die Schülerinnen der 11. bis 13 Jahrgangsstufe am darauffolgenden Vormittag las Winkler vor rund 300 Zuhörern.
Winkler trug am Donnerstagabend nach einer profunden und feinsinnigen Einführung durch Sr. Beda, die den Abend moderierte, vor knapp 50 faszinierten Besuchern Passagen aus den Werken "Roppongi" und "Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot" vor. Im ersten Werk vor allem das problematische Vater-Sohn-Verhältnis (sein Vater hat ihm das Erscheinen zu seiner Beerdigung untersagt; als er stirbt, befinden sich Winkler und dessen Familie auf einer Lesereise in Japan, sodass er tatsächlich nicht auf der Beerdigung erscheinen kann) und sein Leben im streng katholischen Kärnten im Vordergrund. Daneben konfrontiert er unsere Todesrituale mit denen aus Indien, mit welchen er sich auf zahlreichen Reisen auseinandergesetzt hat.
Auch das zweite Werk, eine Sammlung kurzer Prosatexte setzt sich mit den Themen
"Tod" und "Religion" auseinander und reflektiert dabei noch Werke von verschiedenen Autoren, mit denen sich Winkler beschäftigt hat, so z.B. mit Peter Handke, den Winkler besonders schätzt. Seine sprachliche Meisterschaft bewies Winkler mit einem vierseitigen Prosatext, der aus nur einem Satz bestand. Auch sein subtiler Humor blitzte in den beiden vorgetragenen Texten auf.
Bei der sich anschließenden "Fragerunde" zeigte sich Winkler als humorvoller, provozierender Künstler, der gerne mit Rollen und Publikumserwartungen spielt und auf alle Fragen, waren sie auch noch so persönlich, ausführlich einging.
Auch die Schülerveranstaltung am nächsten Tag, zu der OStD Fuhrig rund 240 Schülerinnen begrüßte, war ein voller Erfolg. Zeigten sich die Schülerinnen zunächst während der Lesung aus Winklers Novelle "Natura morta" verunsichert ob der naturalistisch genauen Beschreibungen des Markts auf der römischen Piazza Vittorio Emanuele mit seinen ausgeweideten, zerteilten und verzehrfertigen Tieren und des scheinbar emotionslos integrierten Verkehrsunfalles eine jungen Römers, beteiligten sie sich nach der halbstündigen Lesung äußerst
engagiert und auch kritisch an der Diskussion mit dem Autor. Insbesondere seine eindringliche Warnung vor einer Sprachzerstörung durch die neuen Medien (vor allem durch SMS) erregte auch den Widerstand der Schülerinnen, was den Autor wiederum aus der Reserve lockte und was er - wie er im Gespräch nach der Lesung gestand - auch durchaus genossen hat.
Herzlichen Dank noch einmal für die großzügige Unterstützung der Veranstaltungen durch den Freundeskreis Maria Stern und den Deutschen Literaturfonds e.V.! (Christian Hörtrich)

