Sempre Roma
Nein, es sind keine erfreulichen Nachrichten, die zur Zeit aus Italien kommen. Der Müll-Skandal in der Region Neapel sorgt schon länger für Negativ-Schlagzeilen, ebenso wie die Ausschreitungen und die Manipulationen im italienischen Fußball in den letzten Jahren. Neulich war sogar wieder von gepanschtem Wein und vergiftetem Mozzarella zu lesen. Das Verhältnis zwischen Deutschen und Italienern beschrieb ein Kolumnist vor kurzem als einen Prozess der “Entliebung”, nicht zuletzt wegen der innenpolitischen Verhältnisse, die dem Land zum dritten Mal einen Cavaliere als Regierungschef beschert haben, dessen Gebaren eher an Thomas Manns Zauberer Cipolla erinnert als an einen seriösen Sachwalter der res publica. Damit nicht genug: Auch die Stadt Rom hat sich in der Stichwahl für einen Bürgermeister mit neofaschistischen Wurzeln entschieden, der erwartungsgemäß mit starken Sprüchen auf sich aufmerksam macht...Bleibt der trostreiche Blick in die Geschichte: die Stadt, die Hannibal, Alarich, die Truppen Karls V. und Hitlers SS überstanden hat, wird auch an den derzeit Regierenden nicht zu Grunde gehen.Wenn dies kein Essay über die gesellschaftspolitischen Befindlichkeiten der Italiener im Jahre 2008 werden soll, dann muss jetzt ein rascher Schnitt erfolgen - die oben erwähnten Zustände waren uns also herzlich gleichgültig, als wir mit dem Leistungskurs Latein nach sieben Jahren einmal wieder zu einer Exkursion nach Rom aufbrachen - Duplizität der Ereignisse übrigens: auch im Mai 2001 hatte Berlusconi gerade die Parlamentswahlen gewonnen... Was gibt es zu berichten?
Nun, es war alles wie immer: völlig überzogene Preise, herrliches Frühsommerwetter, geldgierige und aufdringliche Händler und Wirte, Kellner, die weder Italienisch noch sonst irgendeine europäische Amtssprache beherrschen, der übliche Kontrast zwischen der urbanen Schickeria und dem Elend der Bettler und Obdachlosen, arrogante und unfreundliche Einheimische, hilfsbereite und freundliche Einheimische, ewiglange Schlangen vor dem Kolosseum und anderen Hauptsehenswürdigkeiten, überhaupt Menschenmassen, nicht nur die üblichen Touristen, sondern auch Italiener, die zu Events vor der Lateransbasilika oder auf dem Petersplatz strömen, auf Demonstrationen oder poltischen Kundgebungen lautstark ihren Unmut bekunden, Zehntausende, die zusätzlich Platz finden müssen in den engen Gassen, in den ohnehin meist überfüllten Bussen und U-Bahnen, den Lokalen...
Soll man sich so etwas antun? Klare Antwort: Ja!Denn dieses Chaos ist Teil der sinnlichen Erfahrung, mit der man diese Stadt erleben muss, wenn man ihr gerecht werden will. Das erfordert ein gewisses Maß an Flexibilität, Improvisations-bereitschaft und Gelassenheit, wenn z.B. das Tagesprogramm nicht wie vorgesehen ablaufen kann, weil die Straßenbahn wegen eines auf den Schienen geparkten Autos nicht weiterfahren kann, der Bus wegen Überfüllung an der Haltestelle einfach vorbeifährt oder das begehrte Besichtigungsobjekt vorübergehend geschlossen ist. Dafür bieten solche Abweichungen immer auch Überraschungen, die naturgemäß eben nicht geplant werden können, z.B. eine völlig unerwartete Papst-Audienz, bei der Benedikt XVI uns fast zum Greifen nahe war! Wo man unter Zehntausenden von Jugend- und anderen Pilgergruppen aus aller Welt geradezu körperlich fühlen konnte, was katholisch sein eigentlich bedeutet, oder beim Sonntagsgottesdienst in Santa Maria Maggiore, wenn der Zelebrant mit unverkennbar angelsächsischem Zungenschlag zunächst italienisch predigt, dann die Messe - immer noch mit englischem Akzent - lateinisch fortsetzt, dabei aber die stets gleichen Worte spricht, die uns von Kind auf vertraut sind, und die Eindrücke der vergangenen Tage ziehen noch einmal an uns vorbei, hier, auf dem Esquilin, nahe der antiken Subura, dem Armeleuteviertel, wo wenige Meter weiter südlich die Gärten des Maecenas lagen, und unser Blick schweift weiter nach Süden, vorbei am Kolosseum und Forum Romanum, wo heute noch die von Mussolini angelegte Prachtstraße vom Größenwahn des faschistischen Regimes zeugt, vorbei an Palatin und Aventin, wo der Sage nach Romulus und Remus ihre Vogelschau veranstalteten, und weiter, vorbei am Circus Maximus und den romanischen Turmfenstern von Santa Maria in Cosmedin und der Bocca della Veritá, steinernen Zeugnissen mittelalterlicher Baukunst und Volksfrömmigkeit, hinab zur Porta San Paolo, wo in grotesk-harmonischer Weise antiker Totenkult (Cestius-Pyramide) mit der Melancholie der Romantik vereint ist (Keats, Shelley, Goethe filius patri antevertens...), gegenüber, zwischen Verkehrslärm und einer billigen Imbissbude, das bizarr anmutende rostige Denkmal für die von den Nazis erschossenen Resistenza-Kämpfer, und weiter, nach Südosten gewandt, entlang der Aurelianischen Stadtmauer, zur Via Appia Antica, die - teilweise noch mit Originalpflaster - ad catacumbas schnurgerade die Küste hinab und dann bis nach Apulien führt und die schon so viele vor uns gingen (Quo vadis, domine?), und vielleicht können wir hier mehr als an jedem anderen Ort der Welt fühlen, dass wir Teil einer großen Erzählung sind, die nirgendwo sonst in so verdichteter, vielfältiger Weise Gestalt angenommen hat wie eben in Rom. Man gerät allzu leicht ins Schwärmen und vergisst dabei, dass dieses Bewusstsein erarbeitet werden muss. Rom ist kein Freizeit- oder Erlebnispark, und deshalb ist es schwierig, den nachwachsenden Schüler-generationen ein solches - ja, nennen wir es ruhig so - Bildungserlebnis schmackhaft zu machen, weil sie einer permanenten Reizüberflutung ausgesetzt und daher nicht selten abgestumpft sind. Wir sehen nur, was wir wissen. Das kostet bisweilen Mühe. Aber der Satz gilt - in Anlehnung an Goethe - auch umgekehrt: Wir wissen nur, was wir sehen. Wer die Farben Roms gesehen hat, weiß, wovon ich spreche.
Gerhard Gräbeldinger

