Ne nimis servias temporibus!
(Unterwirf dich nicht allzu sehr dem Zeitgeist!)
Im Fächerkanon des Gymnasiums hat Latein traditionell einen schweren Stand, und dafür gibt es eine Reihe von Gründen:
- L ist ein recht unbequemes Fach, weil man relativ viel lernen und bei der Anwendung des Gelernten sehr konsequent und genau sein muss...
- L erfordert sehr viel Konzentration und Ausdauer, weil es keine schnellen und billigen Lösungen bieten kann...
- L kann in seinem Schwierigkeitsgrad nicht unter ein bestimmtes Niveau abgesenkt werden, d.h. eine Reihe von Mindestanforderungen bleibt immer bestehen...
- Zu diesen Mindestanforderungen gehören auch bestimmte Kenntnisse und Fähigkeiten in der Muttersprache. Diese Grundkenntnisse in Deutsch sind bei vielen Kindern nur noch ansatzweise vorhanden...
- L kann die Frage, wozu es denn eigentlich gebraucht wird, nicht so vordergründig und leicht beantworten wie z.B. die modernen Fremdsprachen...
- Der sog. Spaßfaktor hat in den letzten Jahren immer größeres Gewicht bekommen. Natürlich dürfen Schule und Lernen auch Spass machen. Man sollte sich aber davor hüten, die Bedeutung von Bildungsinhalten nur noch nach ihrem Unterhaltungswert zu messen und Schule als ‘Event' zu verstehen.
Die sog. PISA-Studie hat gezeigt, dass dies in der Vergangenheit wohl viel zu oft der Fall war. Wo Bildung aber keinen Eigenwert mehr hat, da zählen nur noch sekundäre Faktoren wie der Nützlichkeits- oder eben der Unterhaltungswert. Erklären Sie aber einmal einem 14-Jährigen, warum es nützlich sein soll, ein Gedicht von Goethe zu lesen oder gar auswendig zu lernen. Oder eben eine lateinische Verbform zu kennen. Der Spaßfaktor bleibt dabei meist ohnehin auf der Strecke. Dies alles hat einen fatalen Mechanismus in Gang gesetzt. Man hat nämlich notgedrungen versucht, sogenannte unnütze Bildungsinhalte vor allem unterhaltsam zu präsentieren. Dabei konnten natürlich nicht alle Fächer mithalten, zumindest nicht ohne Substanzverluste.
In Deutsch hat diese Entwicklung dazu geführt, dass viele Kinder einfachste sprachliche Regeln nicht mehr beherrschen, vom fehlerfreien Lesen und Schreiben ganz zu schweigen. Wenn Kinder mit derart unterschiedlichen Voraussetzungen in Deutsch ans Gymnasium übertreten, dann kann eigentlich etwas nicht stimmen...
Viel zu oft wurde vergessen oder verdrängt,
- dass Schule auch etwas mit Anstrengung, Überwindung, Disziplin zu tun hat,
- dass Regeln eingehalten werden müssen,
- dass man zuerst etwas wissen muss, bevor man darüber diskutieren kann,
- dass die Pflicht vor der Kür kommt,
- dass Schule auch Arbeit bedeutet und trotzdem oder gerade auch deshalb Spaß machen kann.
Auch Latein konnte beim Wettlauf um den Spassfaktor nicht mithalten, die Gründe dafür wurden oben genannt. Die Ergebnisse der PISA-Studie sollten daher für ein Fach wie Latein motivieren, das sich den einfachen Strickmustern entzieht und genau die Tugenden fordert und fördert, die in der PISA-Studie vermisst werden
- systematisches Denken
- Differenzierungsvermögen
- Verstehens -und Erklärungstraining
- intensive Sprachreflexion: wie ‘funktioniert' Sprache?
- Ausdauer, Durchhaltevermögen
- Befähigung zum Erwerb von Wissen und nicht zuletzt auch einen
- direkten Zugang zur sprachlich-kulturellen Tradition Europas (à Bildergalerien)
Dies alles gibt es wie gesagt nicht gratis und nicht zum Billigtarif. Die langfristige Wirkung dieses Bildungsweges kommt nur denen zugute, die sich wirklich darauf einlassen und redlich darum bemühen. Aber das ist z.B. in Mathematik ja auch nicht anders...

