Vinum bonum fit, quod recens durum et asperum visum est.
(Was anfangs sauer und ungenießbar schien, wird schließlich doch noch guter Wein)
Heute noch Latein? Warum soll ich meinem Kind so etwas zumuten?
Im Folgenden soll Ihnen eine kurzgefasste Auswahl von Argumenten die Beantwortung dieser Fragen erleichtern:
- Eine breite sprachliche Bildung in ihrer kommunikativen, linguistischen, analytischen, gedanklich-inhaltlichen und kulturellen Ganzheit kann auf Latein nicht verzichten, denn:
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Latein hat einen höheren Abstraktionsgrad als alle anderen Schulsprachen, man kann es teilweise durchaus mit der Mathematik vergleichen. Es zwingt daher zu systematischem Denken (z.B. bei der Dekodierung von Formen und Satzstrukturen) und erfordert ein ausgeprägtes Differenzierungsvermögen.
- Im Mittelpunkt des Lateinunterrichts steht das genaue Übersetzen. Damit ist ein ständiges Verstehens- und Erklärungstraining verbunden, und zwar vom ersten Tag an (z.B. Fehlen der Artikel).
- Im Lateinischen ist die intensive Sprachreflexion zwingend mit dem Verständnis verknüpft und damit integrierter Bestandteil der Übersetzungsarbeit. Sprachreflexion ist freilich auch in Deutsch, Englisch und Französisch möglich; bei diesen Sprachen ist sie aber nur mehr oder weniger zufälliges Beiwerk, weil dort vor allem auf Kommunikation Wert gelegt wird.
- Latein schafft Distanz vom eigenen, vertrauten Sprach- und Kulturhorizont und fördert daher die Relativierung und Objektivierung des eigenen Standpunktes.
- Latein ist nicht ersetzbar durch moderne Fremdsprachen, weil sie nicht eine wirklich andere, sondern nur in Nuancen abgeänderte Kultur repräsentieren.
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Latein ist nicht ersetzbar durch exotische Fremdsprachen, weil...
- ...der Lernaufwand z.B. bei Kisuaheli noch viel größer wäre.
- ...es nur wenig sinnvolle Anknüpfungsmöglichkeiten an andere Schulfächer gäbe.
- ...es ja nicht darum geht, sich irgendetwas Fremdes anzueignen, sondern das für uns wichtigste und nächstliegende Fremde, und das ist für uns Europäer die griechisch-römische Antike.
- Latein ist das sprachliche Fundament Europas und erleichtert den Zugang zu allen anderen, besonders aber den romanischen Sprachen und zwingt zu einem bewussteren Umgang mit der eigenen Muttersprache. Erfahrene Deutschlehrer gerade der Unterstufe bestätigen immer wieder, dass die Kinder, die L lernen, deutlich besser mit der deutschen Grammatik zurechtkommen als andere. Deshalb ist es sinnvoll und richtig, wenn man seine sprachliche Bildung auf eine möglichst breite Basis stellt und beim Fundament beginnt, und nicht im ersten oder 2. Stockwerk. Besonders erfreulich ist es, wenn gerade unvoreingenommene Nicht-Fachleute feststellen, dass L die ideale Grundlage für alle Sprachen darstellt, z.B. T.R. Reid:
“In meiner Teenagerzeit kamen mir meine ewigen Kämpfe mit amo amas amat und hic haec hoc äußerst nutzlos vor, und ich erinnere mich noch genau an meinen Hass auf den sogenannten Abl abs. Aber als ich einige Jahre danach gezwungen war, Japanisch zu lernen, stellte ich fest, dass es in der Grammatik verblüffende Ähnlichkeiten gibt und sogar eine Konstruktion, die genau wie der lateinische Ablativus absolutus funktioniert. Deshalb hatte ich damit keinerlei Schwierigkeiten. Es war genau so, wie mein ehemaliger Lateinlehrer vorausgesagt hatte: die systematische Strenge der lateinischen Grammatik hatte mich gut darauf vorbereitet, jede beliebige Sprache zu lernen.”
Latein ist wohl nicht zuletzt deshalb so unattraktiv, weil es unbequem ist, sich dem Zeitgeist verweigert und nicht die schnellen, imitativen, sofort verwertbaren Wege geht.
Schule soll Schlüsselqualifikationen vermitteln: Latein ist die sprachliche Schlüsselqualifikation, weil es unter anderem zum Erwerb von Wissen befähigt - eine Eigenschaft, auf die niemand verzichten kann, der im Beruf oder im Studium erfolgreich sein will. (Im übrigen ist das Latinum immer noch Voraussetzung für bestimmte Studienfächer.)
Fachschaft Latein Gymnasium Maria Stern Augsburg
Piger ipse sibi obstat.
(Der Träge steht sich selbst im Weg...)

